Bildjournalisten

Rund um den Bildjournalismus als Beruf

Das alles ist Bildjournalismus - Sie sehen hier verschiedene Bilder von Bildjournalisten aus dem DJV

DJV - Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Europa-Studie zu Bildjournalisten: Misere überall - und dennoch Auswege?

Von Redaktion • 13.11.09 • Thema: Ausland, Fotojournalismus, Hintergrund, Honorare, News, Urheberrecht

“Fotojournalisten stehen vor radikalen Herausforderungen gegenüber ihrem Beruf - in wirtschaftlicher, rechtlicher oder sozialer Hinsicht. Diese Probleme werden verschärft die Digitaltechnik, zunehmende Beschränkung freier Fotografie, die Erosion des Urheberrechts und das fallende Honorarniveau. Diese Situation beeinflusst den Lebensstandard und die Werkqualität von Fotoreportern. Sie hat auch einen schädlichen Effekt auf Berufsstandards, journalistische Ethik und Verantwortung, die wesentliche Vorbedingungen für die Arbeit in einer offenen und demokratischen Gesellschaft sind.”

Europaweite Studie

Mit einer europaweiten Studie, die jetzt in englischer und französischer Sprache veröffentlicht wurde, macht die Europäische Journalisten-Föderation (EJF), in der auch der DJV Mitglied ist, auf die besonderen Probleme der Fotojournalisten aufmerksam. Dazu legt sie jetzt die Auswertung einer Umfrage in den Mitgliedsverbänden der EJF vor, zu der Ende 2008 bereits eine Konferenz in Paris durchgeführt wurde, auf der Fotojournalisten und Experten des europäischen Bildgeschäfts diskutierten. Autor der Studie ist der britische Fotojournalist David McCairley, die Endredaktion lag beim ebenfalls britischen Fotojournalisten Nick McGowan-Lowe.

Fotojournalismus für Gesellschaft bedeutsam

“Fotojournalismus ist wichtig. Er ist nicht einfach als Handwerk und Beruf von Bedeutung, sondern als eine entscheidende ethische Grundlage unseres kulturellen und politischen Lebens.” Mit dieser Einleitung betonen die Autoren die besondere Rolle der Fotografie im Journalismus. Doch es bleibt nicht bei schönen Worten über publizistische Werte.

Das Einmalhonorar als Realität

“Die Realität, die dem heutigen Fotoreporter gegenüberstellt, ist, dass Behinderungen und Konkurrenz zunehmen, während die Honorare jahrelang real gefallen sind. Zusätzlich haben standardisierte digitale Prozesse bestimmte Nebenkosten entfallen lassen, so dass neue Aufgaben im Standardhonorar enthalten sind. Während der Fotograf früher als ein Manager der Postproduktion auftrat und für die Entwicklung und Verarbeitung der Fotos zuständig war, wodurch er ein Zusatzhonorar geltend machen konnte, wird jetzt erwartet, dass alle Leistungen in einem Einmalhonorar enthalten sind”, so der Report.

Leserreporter als europaweites Problem

Als weiteres Problem werden die Amateure identifiziert: “Das Hervortreten von „Bürgerjournalisten“ (laienhafte Fotografen, die ihre Bilder bei Profi-Redaktionen einreichen) und das “Crowd-Sourcing“ (wenn Verleger die Öffentlichkeit dazu einladen, ihre Bilder für eine spätere gewerbliche Nutzung einzureichen), sind eine besondere Herausforderung für den Berufsstand der Profi-Fotojournalisten.”

Bildagenturen machen den Markt kaputt

Doch auch die professionellen Bildstock-Agenturen sind Teil des Problems: “Konfrontiert mit fallenden Profitraten, drängen sie mit dem Wunsch, das gleiche Niveau des Gesamtprofites zu halten, dazu, eine Reduzierung des Prozentsatzes zu erreichen, der den anliefernden Fotografen gezahlt wird. Oder sie versuchen ein höheres Verkaufsvolumen durch Verkäufe im Bündel oder Subskriptionsabkommen zu erreichen. Weiterhin haben große Bildanbieter wie der durchweg unprofitable Bilderdienst Corbis sich klar dazu entschlossen, größere Marktanteile durch aggressive Preispolitik zu erringen, auf Kosten eines langfristig, von Jahr zu Jahr zu erwirtschaftenden Gewinns.”

Zu viel auf einmal von Fotojournalisten gefordert

Die Fotojournalisten werden gleichzeitig mit der Forderung nach Multitasking und umfassender Qualifikation konfrontiert. So sollen sie nicht nur Textbeiträge liefern, sondern auch Videofilme anfertigen. Dieser Trend führe zu einer Erosion beruflicher Standards, so der Bericht.

Urheberrecht ist dem Bürger fremd

Der Report sieht auch eine Auflösung des Urheberrechtsverständnisses: “Verleger versuchen zunehmend, an kostenlose Bilder zu kommen. Gleichzeitig ist das Urheberrecht für den durchschnittlichen Verbraucher ein ungewohntes Konzept. Er findet nichts daran falsch, Dateien über das Internet mit Freunden zu teilen. Die derzeit diskutierte Gesetzgebung über urheberrechtsfreie “verwaiste” Werke würde diese Situation noch weiter verschlechtern, besonders wenn diese dann mit Vergütungen unterhalb des Marktwerts veröffentlicht werden dürfen. Gleichzeitig gibt es zuwenig Modelle, die den Verbraucher dazu bringen, für elektronisch zugängliches geistiges Eigentum zu zahlen. Weil die Bedeutung der Internetmedien gegenüber den Printmedien zunimmt, bedeutet dies zugleich eine Verschlechterung der Einkommensmöglichkeiten der Bildjournalisten.”

Europaweit Beschränkungen für den freien Fotojournalismus

Die Studie konstatiert auch eine zunehmende Einschränkung der Arbeitsmöglichkeiten von Fotojournalisten: “Sowohl von Seiten staatlicher als auch privater Institutionen gehen Versuche aus, die Arbeit von Fotojournalisten Restriktionen zu unterwerfen.” Das betreffe sowohl Gesetzgebung, die wie in Großbritannien im Namen der Terrorbekämpfung Fotoaufnahmen unter Strafe stelle, als auch das Privatrecht, wo Eigentümer Fotos von Gebäuden zu untersagen trachten, wie beispielsweise beim Eiffelturm, bei dem die Lichtdekoration als Grund dafür dienen musste, den Vertrieb von Bildern zu untersagen.

Bildjournalisten: Überwiegend männlich, schlecht bezahlt und in den Gewerkschaften nicht ausreichend repräsentiert

Der Report stellt in seiner Auswertung der Umfrage fest, dass die Frauen im Bildjournalismus in der Minderheit sind. Dabei seien Ländern wie Deutschland oder Großbritannien mit einem Anteil von rund einem Drittel Frauen noch positive Beispiele. Für Italien wurde dagegen ein Verhältnis von 99:1 Prozent Männer/Frauen gemeldet.

Das wesentlichste Problem der Fotojournalisten ist europaweit das geringe Honorar, die Konkurrenz durch Leserreporter und die Nichtvergütung für Mehrfachverwertung. Ebenfalls wurden besonderes Problem genannt die hohen Ausrüstungskosten.

Gewerbliche Aktivitäten unterschiedlich ausgeprägt

Die schlechte Vergütung macht es erforderlich, in anderen Bereichen tätig zu werden. Das ist für Fotojournalisten vor allem die gewerbliche Fotografie. Zahlreiche Teilnehmer der Pariser Konferenz bekannten, dass sie sich eigentlich als Pressefotografen begonnen hatten und eigentlich noch so sehen, PR-Jobs aber längst die Mehrzahl der Aufträge darstellten. Das galt für den Teilnehmer aus England genauso wie die Fotografin aus Finnland. Der Report vermerkt hierzu, dass die gewerbliche Tätigkeit gleichwohl unterschiedliche Bedeutung habe. Während sie für Fotojournalisten in Belgien völlig undenkbar sei, betrage ihr Anteil in Griechenland 90 Prozent.

Die Wirtschaftskrise trifft die Fotojournalisten europaweit

Der Report malt ein düsteres Bild der aktuellen Lage von Bildjournalisten. Europaweit seien die Aufträge stark zurückgegangen, selbst die Top-Profis hätten wenige Aufträge, wird an einigen Beispielen gezeigt. Hier mag sich die zugenommene Bedeutung der PR-Aufträge als Bumerang erweisen: Mehr noch als traditionelle Medienarbeitgeber sind PR-Aufträge besonders vom Konjunkturverlauf abhängig. Gleichzeitig wachse die Isolation der Pressefotografen: Durch die technische Revolution arbeiteten sie vollends außerhalb der Redaktionen, wegen der enormen Anforderungen an Aufgaben von Foto über Text bis Video würden sie zudem nur noch wenig Raum für ein Miteinander mit Kollegen haben.

Auswege aus der Beschäftigungskrise?

Die Antwort auf diese Probleme müssen die Gewerkschaften finden, so lautet die Forderung des Berichts. Sie sollten dafür sorgen, dass Pressefotografen wieder in größerer Anzahl in ihren Entscheidungsgremien vertreten sind. Musterverträge und Tabellen mit fairen Honorarbeispielen sollten weiter verbreitet werden. Das Urheberrecht der Fotografen sollte für alle Nutzungsarten geltend gemacht werden, Gesetzgebung zu “verwaisten” Fotografien verhindert und Lizenzgebühren bei Digitalisierungsprojekten von Büchern erwogen werden, wenn hier Fotos betroffen sind. Um die Isolierung der Pressefotografen zu überwinden, sollten die Gewerkschaften geeignete Netzwerke schaffen. Die Gewerkschaften sollten versuchen, den geringen Frauenanteil zu thematisieren und für Chancengleichheit zu sorgen. Auch gelte es, die Fotografie an öffentlichen Orten zu verteidigen. Zudem sollte es mehr Training geben, insbesondere Verhandlungstraining hinsichtlich von Honoraren für Zusatzaufgaben neben der Fotografie. Auch sollte die Ausbildung aller Journalisten, die im Bildbereich zuständig sind, also auch der Redakteure und Bildeinkäufer, europaweit verbessert werden.

Was macht der DJV mit dem Report?

Die Europa-Konferenz und der Bericht der EFJ sind für den DJV kein Alibiprojekt, sondern soll dazu dienen, Projekte für die Berufsgruppe anzuschieben. Daher werden der Report und seine Feststellungen in Fachdiskussionen eingebracht und als Grundlage für konkrete Projektplanungen dienen. Auch ist daran gedacht, die Diskussion in Deutschland fortzusetzen, unter Einbeziehung von Kollegen, die an der Europa-Studie mitgewirkt haben.

Links und Ausführliches zum Thema Fotojournalisten in Europa

EFJ-Startseite zum Projekt
Der Report auf Englisch (PDF-Dokument)
Der Report auf Französisch (PDF-Dokument)

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