“Was lernt man in Hannover: Fotografieren oder Journalismus?”
Von Redaktion • 15.08.08 • Thema: Fotojournalismus, NewsDas Fotografiestudium in Hannover hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem Markenzeichen entwickelt. Mit Fotografentagen und neuerdings auch einem Festival für junge Fotografie sorgt der Studiengang von Rolf Nobel dafür, dass Fotojournalismus und auch ein fachspezifisches Studium im Gespräch bleiben. Wir fragten ihn nach den Inhalten und den Perspektiven seines Studienangebotes.
bildjournalisten: Herr Nobel, Sie leiten den Studiengang “Design und Medien” an der Fachhochschule Hannover. Auf den ersten Blick hört sich das nach viel Gestaltung und weniger nach Journalismus an. Was lernt man in ihrem Studiengang: Fotografieren oder Journalismus? Oder beides?
Rolf Nobel: Ich leite die Studienrichtung Fotografie im Studiengang Kommunikationsdesign. Dieser Studiengang gehört zur Abteilung Design und Medien. Es hört sich aber tatsächlich so an, wie es die Frage impliziert. Doch jedem Professor steht die unabhängige inhaltliche Ausgestaltung seiner Lehre nach dem Prinzip der “Freiheit der Lehre” zu, und ich habe mir dafür den Fotojournalismus als Schwerpunkt gewählt. In diesem Feld wollen wir den Studenten sowohl das journalistische Rüstzeug vermitteln als auch die gestalterischen Fähigkeiten. Beides gehört bei hochklassigem Fotojournalismus zusammen. Meine sehr journalistisch geprägte Ausrichtung der Fotografie gefällt bei uns natürlich nicht jedem Designer-Kollegen, aber damit müssen sie nun mal leben. Ich möchte allerdings erreichen, dass wir mit der Nachakkreditierung der Studiengänge, wenn die Fotografie mit ziemlicher Sicherheit ein eigenständiger Studiengang werden wird, ihr auch das Etikett verpassen können, das sie verdient. Und danach sollte der Studiengang in Hannover dann “Fotojournalismus und Dokumentarfotografie” heißen.
bildjournalisten: Seit wie vielen Jahren läuft der Studiengang mit einer Ausrichtung auf den Fotojournalismus?
Rolf Nobel: Ich habe gleich mit der Übernahme des Lehrstuhls diesen Schwerpunkt gesetzt, also seit 2000.
bildjournalisten: Wo kommen die Absolventen an? In Agenturen, Bildredaktionen, - oder vor allem auf dem freien Markt? Werten Sie das aus?
Rolf Nobel: Wir haben noch nicht so viele Absolventen, dass wir die Übersicht verlieren könnten. Mit vielen von ihnen habe ich auch immer noch Kontakt. Die meisten Absolventen arbeiten - wie es in unserem Genre der Normalfall ist - freiberuflich als Fotojournalisten. F.A.Z., Spiegel, Focus, stern, DIE ZEIT u.a. zählen bei ihnen neben lokalen PR-Kunden zu den Auftraggebern. Daneben haben einige Studenten nach dem Diplom in Agenturen und Redaktionen Festanstellungen bekommen. Im Großen und Ganzen können alle von der Fotografie leben.
bildjournalisten: Gibt es während der Ausbildung praktische Stationen, auf denen die Studenten die Möglichkeit haben, Kontakte zu knüpfen? Helfen Sie da nach? Und lässt sich eine “bildjournalistische Karriere” überhaupt gewährleisten?
Rolf Nobel: Den Praxisbezug stellen wir auf mehreren Ebenen her. Da ist z.B. das Praxissemester, das in Hannover Teil des achtsemestrigen Bachelor-Studienganges ist. Hier arbeiten wir seit gut 3 Jahren mit der Redaktion der F.A.Z. zusammen. Bislang haben dort 12 Studenten als Redaktionsfotografen ein halbjähriges Praktikum absolviert. Gegenwärtig sind wir mit zwei großen Regionalzeitungen im Gespräch über ein ähnliches Modell. Außerdem holen wir uns sehr viele Praktiker zu Vorträgen in die Hochschule, vom deutschen Allrounder bis zum internationalen Spitzenfotografen, und arbeiten bei Drittmittelprojekten für Auftraggeber aus Wirtschaft und Verlagen unter professionellen Bedingungen. Bislang haben wir für Verlage außerdem 5 Bildbände produziert, von der Konzeption über die Fotografie und Gestaltung bis hin zur Druckvorbereitung.
bildjournalisten: Manche sprechen angesichts zunehmender Bürgerfotografie, fallender Preise für Profikameras und immer günstigerer Datenleitungs-Bandbreiten davon, dass die Bildjournalisten “ein aussterbender Berufsstand” darstellen: Bilder können die Textredakteure auch direkt aus der Datenbank ziehen - und eine gute Spiegelreflexkamera hat nun auch schon mancher klassische “Wort-Freie”. Bilden Studiengänge zum Fotojournalismus nicht in die Arbeitslosigkeit bzw. ärmliche Freiberuflichkeit aus?
Rolf Nobel: Tatsächlich haben wir schon jetzt viel zu viele Fotografen in Deutschland. Aber ich bin kein Beschäftigungspolitiker, sondern Hochschullehrer. Daher versuche ich meine Studenten so gut auszubilden, dass sie in unserem Berufsfeld nicht zu den Verlierern gehören. Gute Fotojournalisten werden auch weiterhin gebraucht, die können nur zu einem Teil von anderen ersetzt werden.
bildjournalisten: In Kurzform: Was bringen Sie den Studierenden bei - Fotografieren, Geschichten erzählen, Selbstvermarktung?
Rolf Nobel: Alles, was notwendig ist. Dazu gehört das journalistische Denken. Also beginnend mit der Frage: ist mein Thema eigentlich eine journalistische Geschichte? Daran anschließend die Überlegung: ist Fotografie das adäquate Mittel der Umsetzung? Dazu kommen dann Fragen des Stils und der Formensprache. Bildgestaltung spielt dabei natürlich eine große Rolle. Wir lehren aber auch Medienrecht, Berufsethik, Schreiben und Selbstvermarktung. Wobei wir diese Inhalte den Studenten nicht nur in den entsprechenden Lehrveranstaltungen vermitteln, sondern sie in unserer Arbeit durchgehend Thema sind. Wenn ein Student eine größere Geschichte fotografieren will, diskutieren wir mit ihm all diese Fragen anhand der aufkommenden Probleme. Das vermittelt nach und nach Wissen und Routine. Und ich ermutige meine Studenten auch während des Studium schon, gute Geschichten Redaktionen anzubieten. Dabei werden dann Fragen der Vermarktung diskutiert. Weiterhin halte ich meine Studenten an, ihre Bilder schon während des Studiums über eine Agentur zu verkaufen. All das verhindert, dass sie nach dem Studium in ein Vakuum fallen, sondern führt zu einem vernünftigen Übergang in die freiberufliche Arbeit.
bildjournalisten: Was hat es mit dem “internationalen Bildjournalismus” auf sich, der laut F.A.Z.-Bericht Ihr Studienrepertoire bereichern soll?
Rolf Nobel: Der deutsche Fotojournalismus spielt - international gesehen - nur die zweite Geige. Das liegt meiner Meinung nach vor allem an den nach innen gerichteten Themen vieler deutscher Fotografen, die außerhalb Deutschlands niemanden interessieren. Wir wollen die Studenten über die durchaus wichtigen deutschen Themen hinaus für das Weltgeschehen sensibel machen und sie auch zu entsprechenden Themen führen. Darüber hinaus bemühen wir uns verstärkt um internationalen Austausch. Mit dem Leiter der sehr erfolgreichen Fotojournalisten-Ausbildung an der Dänischen Journalistenschule in Arhuus, Søren Pagter, haben wir auf dem Lumix Festival einen Studentenaustausch vereinbart. Solche Verbindungen suchen wir auch zu hochrangigen Fotojournalisten-Schulen z.B. in England oder den USA. Und natürlich versuchen wir auch, mehr ausländische Studenten für unser Studium zu begeistern. Eine Maßnahme in dieser Richtung war z.B., dass wir unsere umfangreiche Website www.fotostudenten.de seit vielen Monaten zweisprachig in Deutsch und Englisch im Netz haben. Im Wintersemester 2008 studieren bei uns Fotostudenten aus der Schweiz, China und den USA. Von dieser Internationalität, die wir noch steigern wollen, profitieren auch die deutschen Studenten.
bildjournalisten: Studieren in Hannover, das hat für viele junge Leute aus Restdeutschland zunächst einmal einen recht erdverwachsenen Beigeschmack. Ein Fotostudium in Hamburg, München oder Berlin hätte doch den Vorteil, die fotografischen Objekte gleich mitzuliefern? Was spricht für ein Studium im niedersächsischen Flachland?
Rolf Nobel: Geschichten findet man überall, da ist Hannover nicht schlechter als die genannten Städte. Und reisen ist ohnehin Teil des Jobs. Abgesehen davon zählt Hannover mit 450.000 Einwohner zu den 10 größten Städten Deutschlands, ist also alles andere als Provinz und liegt noch dazu sehr zentral. Und das Design Center auf dem Expo-Gelände, die Heimat der Studienrichtung Fotografie, sucht als Gebäude und mit der technischen Ausstattung seinesgleichen unter den Hochschulen in Deutschland. Und last but not least bilden weder Hamburg, Berlin noch München laut eigener Aussage für den Job des Fotojournalisten aus. Konkurrenz haben wir eigentlich nur in Bielefeld und demnächst vielleicht Magdeburg. Im Vergleich dazu ist Hannover eine Weltstadt.
bildjournalisten: In Magdeburg beginnt zum Herbst ein neuer Studiengang Bildjournalismus. Gleichzeitig stockt auch die FH Hannover ihr Studienplatzangebot auf. Besteht die Gefahr, dass jetzt insgesamt zu viele Leute für den Beruf ausgebildet werden, oder wie schätzen Sie die Entwicklung ein?
Rolf Nobel: Die Frage müsste eigentlich den Kollegen in Magdeburg gestellt werden, denn schließlich bilden wir schon seit acht Jahren auf diesem Feld aus und dort fängt man nun damit an. Die Aufstockung in Hannover war lediglich das Ergebnis unserer großen Erfolge und der ständig steigenden Bewerberzahlen. Begünstigt wurde unsere Arbeit natürlich durch den Rückzug anderer Hochschulen aus diesem fotografischen Feld. Insgesamt werden sicherlich zu viele Fotografen ausgebildet, mit unserem Kernprofil aber eher wenig. Das Problem sind eher die journalistisch ungenügend ausgebildeten Fotografen von anderen Hochschulen, die dann aber im Journalismus arbeiten. Von daher könnte sogar für Magdeburg noch Platz sein, aber das wird die Zukunft zeigen.
bildjournalisten: Eine ganz andere Frage: Welches Fach würden Sie - und wo - heute studieren, wenn Sie noch einmal 19 wären - bzw. würden Sie überhaupt noch studieren?
Rolf Nobel: Keine Frage, ich habe mir die Leidenschaft für den Fotojournalismus bis heute erhalten und würde daher in Deutschland Fotojournalismus in Hannover studieren. Ich bin davon überzeugt, dass wir in diesem Feld zurzeit mit Abstand die Besten sind. In Dänemark, England und Wales wären sicher im Ausland neben den USA die interessantesten Schulen.




