Darf man Gott abbilden? - Ein Interview mit Roger Gerhardy, Augustiner und Fotograf
Von Redaktion • 07.03.08 • Thema: Hintergrundbildjournalisten: Herr Gerhardy, wenn wir Ihre Adresse richtig lesen, leben Sie in einem Kloster. Was heißt das konkret, sind Sie Angehöriger einer Klostergemeinschaft, eines Ordens?
Roger Gerhardy: Ich bin nach dem Abitur 1964 in den Augustinerorden eingetreten und lebe heute im Konvent Maria Eich, in Planegg bei München. Seit fast zehn Jahren bin ich Direktor der katholischen Journalistenschule “ifp-Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses”, aber das hat mein Augustinersein noch nicht beeinträchtigt.
bildjournalisten: Passt das überhaupt zusammen, zeitlich, vom Tagesablauf und inhaltlich, vom “Berufsbild”: Ordensangehöriger und Fotojournalist? Ist es so einfach: “Ora et (photo)labora”?
Roger Gerhardy: Bei den Augustinern passt eigentlich alles zusammen, wenn es denn ernsthaft betrieben wird. Bei uns gibt es einige Universitätsprofessoren, viele Pfarr- und einige Krankenhausseelsorger sowie einige Spezialisten, darunter auch einen Journalisten, und das bin ich. Mein Tagesablauf sieht natürlich anders aus als das unserer Wallfahrtsseelsorger, aber das hindert nicht daran, zu derselben Gemeinschaft zu gehören.
bildjournalisten: Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Roger Gerhardy: Mein großer Cousin hat mich, als ich ungefähr zehn Jahre alt war, mal mitgenommen in seine Dunkelkammer und mir gezeigt, wie in der Entwicklerschale ein Bild sichtbar wird. Ich glaube, damals habe ich mir den Bildermachervirus eingefangen.

Wüste, Foto: Roger Gerhardy
bildjournalisten: In Ihren Bildern behandeln Sie viele Bauwerke oder Gegenstände mit religiösem Hintergrund. Gibt es für Sie eine Bildsprache, mit der Sie sich gerade diesen besonderen Objekten nähern?
Roger Gerhardy: Aufgrund meines Hauptberufs interessiere ich mich natürlich besonders für alle Formen des Religiösen, sei es bei Menschen, in Bildern oder eben auch bei Bauwerken. Bei den Bauwerken reizt es mich zum einen, diese Architekturen formal in den Griff zu bekommen – was oft ziemlich schwierig ist – zum anderen möchte ich zu ergründen versuchen, weshalb der jeweilige Baumeister oder seine Epoche gerade so baute, um den Menschen ihre geistliche Heimat nahe zu bringen.
bildjournalisten: Wir haben eben von Objekten gesprochen. In der Religion, oder sagen wir zugespitzer: im ganz persönlichen Glauben ist es vielleicht nicht einmal angebracht, ausschließlich von Objekten zu sprechen, ohne das Subjekt zu erwähnen. Ist Fotografie für Sie ein Weg, das Phänomen des Glaubens auszudrücken oder sich ihm selbst zu nähern, vielleicht auch eine Form der Suche und des Bekenntnisses?
Roger Gerhardy: Das fotografierende Subjekt Gerhardy hat da zwischendurch immer noch Hemmungen, auf den Auslöser zu drücken, egal ob es sich um einen betenden Menschen handelt oder um einen Leprösen mit einer von der Krankheit verstümmelten Hand. Ich möchte diese Hemmungen auch nie verlieren, denn als Fotograf, generell als Journalist sollte man niemals den Respekt vor dem Menschen verlieren, dem man sich da optisch oder verbal nähert. Wenn ich diese Grenzen dann letztendlich doch überschreite, dann nicht, um diesen Menschen bloßzustellen, sei es in seinem Glauben oder in seiner Krankheit. Ich möchte zum einen den Menschen in seiner Hilfsbedürftigkeit zeigen, um Hilfe zu mobilisieren. Zum anderen möchte ich vermitteln, wie der Glaube einem Menschen helfen kann, sein Leben anzunehmen und zu meistern. Letztlich möchte ich anderen Mut zu machen, das ebenfalls zu versuchen.
Zur Rückwirkung auf mich: Letztes Jahr fotografierte und interviewte ich im Slum Mathare in Nairobi einen 13-jährigen Jungen, der mehrfach von einem aidskranken Mann vergewaltigt worden war, der auf diese Weise glaubte wieder gesund werden zu können. Als ich anschließend im Flieger nach Hause saß, betete ich: Lieber Gott, ich danke Dir, dass ich eine zwar nicht eben reiche, aber doch gesicherte und glückliche Kindheit hatte.
bildjournalisten: Kann man, darf man Glauben überhaupt fotografieren?
Roger Gerhardy: Ja, man darf, wenn man die in den beiden vorhergehenden Fragen angesprochenen Grundsätze beachtet.
bildjournalisten: Viele christliche Konfessionen, die jüdische, die islamische und andere Religionen sprechen Bilderverbote aus und gründen sich auf der Auslegung ihrer heiligen Schriften. Auch innerhalb des Christentums ist umstritten, ob das Bilderverbot Teil der 10 Gebote oder nur eine abdingbare Auslegungsmeinung ist. Wie ist Ihre Meinung: Kann man, darf man, soll man Gott fotografieren oder sonstig abbilden?
Roger Gerhardy: Gott als der Unbegreifbare, mit menschlichen Spekulationen nicht Erfassbare, kann nicht abgebildet werden. Punkt.
Solange sich ein Mensch, ein Fotograf, ein malender Künstler dieser Grundtatsache bewusst ist, kann er sich verbale und sinnliche Hilfskonstruktionen schaffen, um einen Zugang zu Gott zu gewinnen. Wir Menschen sind sinnliche Wesen, und müssen unsere Sinne einsetzen, um mit dem Leben und folglich auch mit dem Glauben umzugehen. Von daher sind Wortbilder und Malbilder nicht nur erlaubt, sondern auch geboten; aber immer als Wege zum Ziel, nicht als verbale oder optische Inhaber des dargestellten Gottes.
bildjournalisten: Ein Pariser Steinmetz, Makingson Nespoulos, berichtete kürzlich, dass er bei seiner Arbeit an Notre Dame immer wieder in den Dialog mit Steinmetzen aus früheren Jahrhunderten gerät, weil er merkt, wie sie gearbeitet haben, ob sie flüchtig oder besonders sorgfältig zugange waren - er erhält geradezu ein Persönlichkeitsprofil dieser alten Meister. Wenn Sie sich als Fotograf so intensiv mit Bauwerken und Kunstdenkmälern befassen, gibt es für Sie etwas Vergleichbares, einen Dialog mit den Baumeistern, das Entdecken ihrer ganz persönlichen Züge?
Roger Gerhardy: Da fällt mir ein, was ich vor kurzem beim Fotografieren in den altägyptischen Tempeln am Nil, z. B. in Karnak sah, dass einige alte Künstler die Kartuschen – ovale Felder für die Namen der Gottheiten oder Pharaonen – gar nicht erst ausfüllten, sondern leer ließen, weil eventuell der neue Pharao den Namen des alten austilgen könnte und dessen Lieblingsgott gleich mit. Daraus spricht eine nüchterne Distanz der Steinmetzen zu den Göttern und den göttergleichen Pharaonen:
So ist das Leben; so ist die Kunst; so ist der Mensch. Soll ich einen alten Künstler verurteilen, der ein paar hungrige Mäuler zu stopfen hatte? Oder darf ich mit diesem Argument einem jedem elenden Schleimer eine Generalabsolution aussprechen? Bin ich der letzte Richter der Menschen und der Geschichte? Darf und muss ich nicht ein paar Sachen Gott überlassen?
bildjournalisten: Viele Bilder von Ihnen zeigen weite Räume, Horizonte. Handelt es sich hierbei um eine eher zufälliger foto-ästhetische Perspektive, oder wird hierdurch erneut das Thema Glauben aufgegriffen?
Roger Gerhardy: Zunächst sind das sicher foto-ästhetische Perspektiven. Es ist einfach optisch faszinierend, am Meer oder im Gebirge einen Sonnenauf- oder -Untergang in ein aufreißendes Regentief hinein zu fotografieren. Das Faszinierendste konnte ich indes leider nicht fotografieren, weil mir die dafür nötige Technik fehlte, als ich im Schlafsack unter freiem Himmel in der Sahara übernachtete, und es mir nachts den Blick förmlich in die Unendlichkeit des Alls hineinsog. Wer bei so was sein Leben noch auf das Prinzip Zufall abstützt, dem kann ich dann nicht mehr so unbedingt folgen.

Kreuz, Foto: Roger Gerhardy
bildjournalisten: Wie bewerten Sie das Verhältnis von Redaktionen zu Bildern mit religiösem Hintergrund bzw. Themen? Aufgeschlossen? Interessiert? Oder eher zurückhaltend?
Roger Gerhardy: Eher zurückhaltend. Wobei ich in der persönlichen Begegnung mit Journalisten heraushöre, dass die gar nicht so desinteressiert sind an diesem Thema, aber ich vernehme dabei oft: das Publikum will so was nicht. Für mich persönlich enttäuschend ist die Tatsache, dass der vom Raureif fast zugedeckte Kruzifixus vom Kreuzberg in der Rhön noch nie gedruckt wurde. Die Verlassenheit, das Elend, die letzte Einsamkeit des Gekreuzigten, das letzte Risiko eines jeden Menschen, wird daraus sichtbar. Doch das scheint kaum jemanden zu interessieren. „Ecce home – das ist der Mensch“ sagte einst Pilatus über den gegeißelten Jesus. C’est la vie. Schade.

Der Felsendom in Jerusalem, Foto: Roger Gerhardy
bildjournalisten: Presseleute und Politiker setzen sich zur Zeit wieder einmal für die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed ein, um für Pressefreiheit und Solidarität mit dem dänischen Zeichner Kurt Westergaard zu werben. Ist das eine überzogene, ja nicht zu rechtfertigende Provokation von Gläubigen? Oder muss der Glauben Karikaturen ohne Wenn und Aber, geradezu in Demut dulden? Wie sehen Sie ganz persönlich das Thema, ohne Rücksicht auf Positionen von Politikern und Journalistenverband?
Roger Gerhardy: Ich erinnere mich noch sehr genau an die Karikaturen in deutschen Blättern nach dem Gerichtsurteil, demzufolge Eltern das Recht haben, Kruzifixe aus deutschen Klassenzimmern zu entfernen. Da war eine Schlagzeile: „Potzblitz! Bayern ohne Balkensepp!“ Das war eine hirnamputierte Unverschämtheit und Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen, denen das Kruzifix mit zum heiligsten auf dieser Welt gehört. Ich sah vor gut einem Jahr in einem KGB-Museum in Vilnius ein aus Brotresten geknetetes Kreuz, mit dem in der Tasche ein von KGB zu Tode Geschundener seine Qualen durchstehen konnte. Solche sich als religionskritisch aufmüpfenden Karikaturen sind abgrundtief dumm und taktlos. Aber ich würde deswegen niemals einen Koffer mit Sprengstoff vollstopfen und mit Nägeln spicken, damit möglichst grausame Verletzungen entstehen und dann noch Backpulver dazutun, damit die Fleischwunden bis auf die Knochen durchbrennen. Religionsfeindliche Karikaturen kommentarlos zu dulden, hat nichts mit Demut zu tun, ich darf Taktlosigkeit und Dummheit als solche bezeichnen. Und das weder gegen Mohammed noch gegen Jesus. Aber ich darf deswegen niemals zum Mordbrenner werden.

Glaube, Foto: Roger Gerhardy
bildjournalisten: Zurück zur Fotografie. Welches größere Fotoprojekt würden Sie gerne eines Tages einmal durchführen, wenn die finanzielle Seite zu organisieren ist?
Roger Gerhardy: Die Antarktis! Keine Malaria, keine Moskitos, keine Giftschlangen. Nur das Leben, das den härtesten Herausforderungen gewachsen ist. Das wäre noch mal was!
bildjournalisten:: Vielen Dank für das Interview!
Das Interview wurde per E-Mail geführt.




Der liebevolle Realismus der Fotos von Gerhardy ist wohltuend.
Waldkraib urg ,22.3.09
Sehr geehrter Pater Gerhardy,
ein Freund von mir hat in den letzten Tagen einen Text von Ihnen im Bayr.Rundfunk gehört,der ihm sehr gut gefallen hat und wohl auch auf meine Situation passen würde.(Ich bin seit 4 Wochen Witwer).
Ihr Text kam in der Sendung “Auf ein Wort”oder “Gedanken zum Tage”Wo kann ich das lesen?
Mit bestem Dank für Ihre Bemühungen,
Kh. Erler